Samstag, 3. Januar 2026

KW 1, 2026: Die luserlounge selektiert

Quelle: pixabay.com / Pikura 
(Ms) Tja, wie geht es weiter im neuen Jahr? Die Aussichten, so global gesehen, sind nicht unbedingt gut. Klar, es gibt viele gute Nachrichten, doch die Gesamtperspektive ist nicht rosig, oder? Gelder für gemeinnützige Organisationen werden gekürzt, Bemühungen, um die Folgen des Klimawandels aufzuhalten, werden ad acta gelegt, Bildung spielt, wie immer, kaum eine Rolle in irgendeiner größeren öffentlichen Diskussion. Tja. Aber träumen darf erlaubt sein. Muss erlaubt sein. Eine Vision ist nötig. Wer könnte da behilflich sein? Niemand geringeres als Sibylle Berg! Ihre Grime-Triologie hat mit La Bella Vita - PNR seinen Schluss gefunden. Kein Drama mehr. Keine Spirale, die sich stetig abwärts dreht. Don geht es gut. Sie lebt in einer europäischen Anarchie. Keine Grenzen. Keine Nationen. Kein Geld. (Fast) Keine Autos. Keine Wochentage. Keine Supermärkte. Jeder arbeitet 3,5 Tage in einem Job, der der Allgemeinheit gut tut. Es ist eine wunderbare Träumerei, die die Autorin auf knapp über 400 Seiten auslebt. Und sie ist weniger abwegig, als man vielleicht denken mag. 93 Forderungen stellt sie an eine Zukunft. Eine Zukunft ohne Amazon, Instagram, Schnelligkeit, Rechenzentren, Überwachung, Konkurrenz, Krieg. Wer will das nicht?! Eben. Dieses Buch, dieser Essay, diese Vision sei daher allen ans Herz gelegt, die genau das wollen. Und dann tun wir uns zusammen und bauen uns das auf, okay? Gut.

Oum Shatt
(Ms) Die Zeit zwischen den Jahren ist in der Musik so runtergedimmt wie keine anderen Wochen im ganzen Jahr. Doch es gibt ein paar spannende Töne und Bilder und Worte, die doch aufploppen. Wenn eine Band kurz vor Ende des Jahres ein neues Musikvideo zu einem Album, das vor zwei Jahren erschien, veröffentlicht, darf man ein wenig hinein interpretieren, oder? Oum Shatt haben ein Video zu Love The Way She Stands rausgebracht. Dazu gab es kaum begleitende Worte, also hier wenigstens ein paar Ideen: 1. Sie hatten einfach Lust dazu. 2. Das Video wurde zufällig genau zu dieser Zeit fertig. 3. Die Band wollte ihren Fans und allen, die es noch werden wollen - denn: phantastische Gruppe! - ein kleines Geschenk machen. 4. Eine neue Platte wird mit einem alten Lied wohl kaum angekündigt. 5. Eine neue Tour steht eventuell in den Startlöchern. 6. Sie frönen der Kunst.
Egal: Es ist ein toller Track mit einem schönen Video dazu und einen dieser Punkte könnt ihr euch jetzt aussuchen!


Henge
(Ms) Was haben sich Menschen vor fünfzig, einhundert, dreihundert Jahren wohl gedacht, wie das Jahr 2026 aussehen und vor allem klingen wird? Flugtaxis, Marsbesiedelung oder Explosion des gesamten Planeten? Oder gar Invasion einer anderen Spezies?! Ja, vermutlich wird es letzteres sein, wenn Henge läuft! Die folgenden Worte meine ich genauso, wie ich sie schreibe: Das ist vielleicht das verrückteste, genialste, elektrisierendste, was ich seit langer Zeit gehört und vor allem gesehen haben! Und die Band wird im Frühjahr durch unsere Breitengrade ziehen. Henge ist ein Space-Rock-Future-Electro-Plan eines Quartetts aus Manchester. Obwohl… das stimmt doch gar nicht! Zpor, Goo, Sol und Nom sind Millionen von Jahre alt und wir haben das große Glück, ihrer musikalischen Reise beizuwohnen. Ein Erlebnis, das Krautrock auf Speed bedeutet. Oder so. Egal - es ist großartig, was diese Band auf die Bühne bringt, musikalisch und vor allem visuell, sehen Sie hier:

08.04. - Hamburg, Knust
10.04. - Lübeck, Treibsand
11.04. - Oldenburg, Cadillac
13.04. - Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
14.04. - Wiesbaden, Schlachthof
15.04. - Marburg, KFZ
21.04. - Plagwitz, Neumanns Tanzlokal
22.04. - Dresden, Beatpol
24.04. - Berlin, Gretchen
25.04. - Hannover, Faust


Get Well Soon
(Ms) Nachdem ich am Silvesternachmittag eine bestimmte Mail gelesen habe, hörte ich am Morgen drauf eine Platte von 2008 und konnte erstaunlich gut mitsingen.
Dass es etwas Neues von Get Well Soon geben würde - ich war lange Zeit mehr als skeptisch und die Infos sind noch angenehm ungenau. Ich bin davon ausgegangen, dass Konstantin Gropper irgendwo im Filmmusikbusiness verschwunden ist und Amen irgendwie die letzte Platte bleibt. Pah - Pustekuchen! Am Mittwoch gab es eine Mail, einen Newsletter. Darin hat Konstantin Gropper nichts anderes angekündigt, als dass es in diesem Jahr zwei - in Zahlen: 2! - neue Platten von Get Well Soon geben wird. Plus Labubu, Tour und allem drum und dran! Wannwiewo - diese Infos werden alle noch kommen. Aber: Wow! In diesem Jahr gibt es diese Band schon zwanzig Jahre und ich weiß noch, wie begeistert ich meine MitschülerInnen 2008/09 vollgelabert habe, was ich da mit Rest Now Weary Head! You Will Get Well Soon für eine außergewöhnliche Platte entdeckt habe. Seitdem bin ich dem Sound dieser Band verfallen, sie gehört unangefochten mit zu den fünf Bands, die mich in den letzten zwanzig Jahren am stärksten geprägt und begleitet haben. Ich konnte sogar mal meinen Papa überreden, dass er mich zu einem Konzert nach Nijmegen begleitet und es war großartig. Auch für ihn. Dear Reader als Vorband. Ach, du liebe Güte. Das wird ein gutes Jahr, okay? Okay!

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Unerhört 2025 - Eine letzte Selektion des Jahres

Quelle: pixabay.com / RibhavAgrawal
(Ms) Was bleibt aus dem musikalischen Jahr 2025? Eine Menge Gutes in jedem Fall. Dazu 113 Beiträge auf dieser Seite, knapp alle drei Tage Neues aus der Musikwelt, Konzert- und Album-Reviews und so gut wie jeden Freitag ein Überblick auf hoffentlich hörenswerte neue Songs. Da gilt es auch mal Danke zu sagen. Ja, dieser kleine Blog reißt nicht die Massen an sich, aber die Aufrufzahlen machen mich demütig und stolz, dass Menschen das lesen wollen, was ich hier ins Netz reintippe - vielen Dank fürs Lesen! Natürlich blieb auch eine Menge auf der Strecke. Die Welt ist zu schnell und ich dafür zu langsam. Aber drei Alben sind dieses Jahr erschienen, die hier noch einen Platz haben sollen. Drei Platten, die sehr, sehr unterschiedlich sind und alle mit sehr viel Herzblut und musikalischem Know-How entstanden sind. Eine letzte Selektion aus 2025 - voilà:

Anna von Hausswolff
(Ms) 2012 erschien das Album Ceremony der schwedischen Organistin Anna von Hausswolff und seitdem bin ich immer wieder im Bann dieser außergewöhnlichen Musikerin gefangen. Ihre Wucht an der Orgel, ihre Dramatik in der Stimme, ihre Arrangements, die Wände zittern lassen. Und auf der anderen Seite ist so viel Schönheit, so viel filigranes Fingerspitzengefühl. Und wer sie mal live sehen durfte, weiß: Da sitzt eine Frau, zu deren Musik einst die Welt untergehen wird und sie lächelt dabei so sympathisch und ist eins mit ihrer Musik. Lange war nichts von ihr zu hören und dann meldete sie sich im Sommer mit neuer, eigener Musik zurück, die nicht nur fürs Theater bestimmt ist. ICONOCLASTS heißt die neue Platte, die am 31. Oktober schienen ist. Ja, mit großen Buchstaben. Wie sie mit jedem Album einen Schritt weiter geht aber nie den Kern ihrer Musik aufhebt oder plötzlich etwas völlig anderes macht, ist beeindruckend. 72 Minuten neue Musik. Vielleicht nicht mehr ganz so dramatisch, aber mit ganz viel Glanz und ein bisschen pompöser mitunter. Zum Beispiel wenn sie mit Nick Cave singt und sich damit ein Lebenstraum von ihr verwirklicht. Teils nutzt sie ein paar elektronische Spielereien, die aber nie in den Vordergrund klingen. Der Mittelpunkt bleibt die Orgel und damit eine wahre Kunst. Diese Platte setzt den Weg der Schwedin äußerst sinnvoll fort und wer kann, sollte sie unbedingt live sehen - es wird ein Konzert aus einer anderen Welt werden:

21.01.2026 - Hamburg, Knust
22.01.2026 - Berlin, Huxley‘s Neue Welt
04.02.2026 - Köln, Gloria
06.02.2026 - München, Muffatwerk
07.04.2026 - Wien, WUK


Vlimmer
(Ms) Wenn Alex Donat sich mit seinen Synties wegschließt, ist klar, dass danach immer etwas Neues rauskommt. Und nicht nur, weil es das halt vorher noch nicht gab, sondern weil er sich immer weiterentwickelt. Neben Vlimmer hat er noch ein paar andere Projekte laufen, doch - ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster - dieses hier ist sein Hauptaugenmerk. Ist das Dark Wave? Ist das Electro? Industrial? Synthie-Härte? All das und doch trifft es Vlimmers Musik nicht so ganz. Sie ist in jedem Fall immer ein großes Spiel mit der Sprache: Hintersommer heißt seine neue Platte, die am 21. November erschienen ist. Etwas mehr Bass, etwas mehr Wucht, etwas mehr Griffigkeit. Und immer noch viele Abgründe, viel Verborgenes, an dem hier gerüttelt wird. Viel Bass, der durch die Lieder treibt und sein Gesang ist immer mehr zu verstehen, was in meinen Augen die Zugänglichkeit von Vlimmers Tönen enorm erhöht. Auch gänzlich neue Klangwelten wie auf Diskoloration lassen aufhorchen und machen dieses Album zu einer dunklen Entdeckungsreise!


Yasmo & Die Klangkantine
(Ms) Nach zwei eher düsteren Alben wechseln wir hier komplett das musikalische Gebiet, ziehen nicht nur nach Österreich weiter, sondern damit auch zu einer Künstlerin, die aus dem Poetry Slam kommt, eine Meisterin der Sprache ist und mit ihrer Band weiß, wie jedes noch so hartes gesellschaftspolitisches Thema irgendwie doch noch tanzbar aufgearbeitet werden kann. Yasmo & Die Klangkantine haben am 7. November Augen Auf Und Durch veröffentlicht und damit ein großartiges Album, das ganz, ganz viel zu bieten hat. Das liegt zum Einen an der enorm hohen Wörterdichte. Es ist gar nicht so verkehrt, hin und wieder mal mitzulesen, weil nicht nur die Augen, auch das Hirn muss hier mitkommen, um den Gehalt ihrer Musik zu begreifen. Zum Anderen ist da natürlich ihre großartige Band, die mit einem verspielten Brass-Sound extrem viel Spaß macht! Ja, Yasmo packt viele verschiedene Themen an, die mindestens Diskussionspotential mit sich bringen. Doch, der Albumtitel macht es schon deutlich, die Grundstimmung ist gut, blickt nach vorn, bleibt positiv, lädt zum tanzen ein und macht einfach unglaublich viel Spaß. Was für eine Künstlerin!

Dienstag, 30. Dezember 2025

Live in Bremen: Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen

Foto: luserlounge
(Ms) Ein Hoch auf Heiko Franz! Der Taktgeber von Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen ist ein wahrer Arbeiter am Schlagzeug! Irre ihm zuzuschauen. Was dieser Typ hinter den Trommeln und Becken an Energie rauslässt, ist bewundernswert! Es hat mitunter den Anschein, dass er in einer Band spielen würde, die wesentlich härtere Musik macht, so wie er auf sein Instrument eindrischt. Aber die vier Herren in der vorderen Reihe lassen sich bestimmt eher treiben als hetzen von seinem Schlagzeugspiel. Dabei auch immer gute Laune, stets ein Lächeln im Gesicht, er singt auch mit und könnte bestimmt nach Ende des Gigs noch locker drei, vier Stunden weiter trommeln, wenn die äußeren Rahmenbedingungen ihn nicht daran hindern würden. Was macht das Spaß, ihm zuzuschauen!

Diesen Spaß konnte man dieser Tage an dreierlei Orten haben, denn die Liga spielt - wie jedes Jahr - zwischen den Jahren in Bremen, Hamburg und Berlin und die Leute vor der Bühne tanzen gerne mit. So wie am Samstag im Bremer Lagerhaus. Es hatte den Anschein, als ob letztes Jahr ein wenig mehr los gewesen wäre, aber genaueres dazu kann ich auch nicht sagen. 
Spannend ist hingegen immer, wen die Hamburger Geschichtenerzähler als Vorband mitbringen. In diesem Jahr waren es die Punklegenden (so weit darf man sich bestimmt aus dem Fenster lehnen) von Brausepöter. Diese Band existiert seit 1978, also zwölf Jahre länger als ich alt bin. Wahnsinn. Punkrock der ersten Stunde und vor wenigen Wochen haben sie ihr aktuelles Album veröffentlicht. Unterhaltsam ging es zu zwischen Muschelvergiftung, Keiner Kann Uns Ab oder Nervengeschädigt. Das hat sehr viel Spaß gemacht!

In der gleichen Stimmung ging es danach mit der Liga weiter. Es ist nun mein drittes Bremen-zwischen-den-Jahren-Konzerten hintereinander und langweilig wird es nicht. Sie haben ja auch 2025 mit Egg Benedict ihre neue Platte veröffentlicht und daraus beispielsweise Ein Dienstag In Dur, Ich Geh Lieber Allein oder Song Für die ALU zum besten gegeben. Tim Jürgens ist sogar eine Basssaite gerissen - wann kommt sowas denn schon mal vor? Er durfte dann brausepöterich weiterbassen. Ein DLDGG-Gig wäre natürlich nichts ohne die hervorragenden Ansagen von Carsten Friedrich, der immer dazu neigt, sich doll zu verheddern - aber genau das macht die Band ja so sympathisch. Sogar Liveraritäten wie Die Gentlemenspieler gaben sie zum Besten.
Kurzweilig ist so ein Liga-Abend. Man ist bestens unterhalten, bekommt ein paar Einblicke in kommende Konzenptalbumpläne, auch wenn sie eventuell nicht ernst gemeint sind. Wer sich das zwischen den Jahren nicht gibt, ist ein Banause. Punkt! Und kommendes Jahr schmeißen dann alle die Werbetrommel an, damit das Lagerhaus dann auch ausverkauft ist!

Achja - nochmal: Ein Hoch auf Heiko Franz!





Sonntag, 21. Dezember 2025

Live in Bremen: Deine Freunde

Foto: luserlounge
(Ms) Moderne Musik für Kinder ist ja so ein ganz eigenes Genre. Unter Meinem Bett ist da sicher ein ganz gutes Beispiel. Für dieses Projekt nehmen verschiedenste KünstlerInnen aus dem Pop/Rock-Bereich immer wieder kindertaugliche Stücke auf - mit Erfolg. Die Donots haben dieses Jahr bei ihrem großen Münster Slam eigens mittags einen Kinder-Slam veranstaltet - mit zahlreichen kleinen BesucherInnen. Deine Freunde ist eine Band, die auch speziell Musik für Kinder macht. Ihr Erfolg gibt ihnen recht. Sie spielen in großen Hallen, viele Konzerte sind ausverkauft, der Run ist groß. Am Samstag waren sie in Bremen und das war echt ein starkes Spektakel! Gut 80% des Stehbereichts unten im Pier2 war nur für Kinder abgesperrt. Ihre Spielwiese, die ziemlich gut organisiert war. Bereits draußen bekamen die Kinder ein Bändchen mit der Kontakthandynummer drauf versehen. In der Halle gab es mehrere Treffpunkte, die gut ausgeschildert waren und 17 Uhr ist insbesondere an einem Samstag ja auch ein hervorragender Konzertbeginn! Von den Nachbarn beim Konzert habe ich erfahren, dass man ohne Kinder auch gar nicht reinkommen würde - irgendwie ein gutes Konzept!

Die drei Freunde haben pünktlich angefangen und gut 100 Minuten Programm abgerissen. Und das vom allerfeinsten. Ihre Musik würde ich mir jetzt zu Hause nicht anhören, aber für die Kids war es supergut und die Bühnenhelden und ihr Team wissen ziemlich genau, wie man die Eltern drum herum mitzieht. Einspieler von Monty Python, The Prodigy oder Deichkind. Apropos Deichkind. Je länger die Show ging, desto eher kam ich zu dem Schluss, dass Deine Freunde einfach Deichkind für Kinder sind. Die Show auf der Bühne war richtig groß aufgezogen. Das Konstrukt um DJ Paulis Turntableturm konnte sich drehen, links und rechts große LED-Türme mit super Illuminationen, am Ende Konfettiregen. Zwischendurch Spiele Kinder gegen Erwachsene, die angestimmte Lieder weitersingen sollten. Um die Kinder in den ersten Reihen wurde sich auch super gekümmert, zwischendurch wurde ihnen Wasser gereicht. Große Wohlfühlatmosphäre während die Großen Gezapftes oder Kaffee trinken konnten.
Enorm, dass die meisten Kinder so lange durchgehalten haben. Das war schon ein sportliches Programm, es wurde viel gehüpft, viel geballert von vorne. Eine große Show, die sehr gut aufgeht, aber auch einen gewissen Beigeschmack hat: so ein Konzert ist - wie die meiste Kultur leider - ein absolutes Privileg für Gutverdienende. Will man zu viert rein, muss man schon mal 200 Euro für Tickets hinblättern. Zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass die Bands Sozialtickets für 20€ anbietet.

Nicht ein Lied von Deine Freunde kannte ich vor dem Gig. Aber es hat echt eine Menge Spaß gemacht, weil die drei Profis auch genau wissen, welche Themen sie wie umsetzen müssen, um alle ins Boot zu holen. Und das haben sie geschafft und dabei in zahlreiche vor Freude strahlende Augen schauen dürfen. Bei Groß und Klein.

Freitag, 19. Dezember 2025

KW 51, 2025: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / NajmunNahar
(Ms) Herbst- und Winterzeit ist Spaziergangzeit. Das ist Fakt. Das tut nicht nur dem Körper, sondern auch dem Geist recht gut und es gibt allerhand zu sehen. Schönes und Verstörendes. Im Ort nebenan steht ein Einfamilienhaus, das immer wieder - saisonal sich ändernd - für Verstörendes sorgt. Die BewohnerInnen mögen Deko. Oder: Sie sind darin vernarrt. Es war schon an Halloween extrem extrem. Was da an Spinnennetzen im Garten hing, lebensgroße Zombies, Lichter ohne Ende, große Banner über dem Garagendach. Ein Spukhaus im doppelten Sinne. Und natürlich bietet die Weihnachtszeit direkt im Anschluss den nächsten tollen Dekorieranlass: Schneemänner, wieder zahllose Lichter, Bilder, Aufsteller, hastenichtgesehen. Es blinkt und bimmelt an allen Ecken und Enden. Und das ist nicht mal schön. Es ist einfach viel zu viel. Es gibt ja durchaus geschmackvoll geschmückte Häuser, die auch nicht gerade gespart haben. Aber das ist einfach nur krass. Ich teilt hier mein tiefstes Mitleid mit allen Menschen, deren Nachbarn so heftig dekoriert haben - ihr tut mir leid, dass es euch so in die eigene Bude blinkt.

Black Sea Dahu
(Ms) Es gibt Bands und KünstlerInnen, die einfach parallel an mir hinweg existieren. Die können ganz toll sein, doch ich habe nie einen Track gehört. Das geht mir beispielsweise bei Santigold so. Kenne den Namen, aber keinen einzigen Track bis letztens Desparate Youth im Radio lief und ich sofort mitgerissen wurde. Ähnlich mit Black Sea Dahu. Mein ehemaliger Kollege J. erzählte mir öfter von der Schweizer Band. Doch nur das Universum weiß, warum ich nie ein Lied von denen hörte. Bis zu diesem Herbst. Alle drei neuen Singles haben mich wunderbar berührt und auch Ants On The Wall, die aktuelle, neue Single ist wundervoll! Ganz ruhig, ganz behütet beginnt dieses Lied, in dem Janine Cathreins Stimme erneut großartig ertönt. Diese Wärme… berauschend! Ein Stück über Trauerbewältigung und das Trauer keine Leere sondern Anwesenheit von etwas ganz anderem ist. Überwältigenden Erinnerungen zum Beispiel, die irgendwie fehlt am Platz sind, so wie die Ameisen an der Wand im Lied. Diese Band macht große Kunst, textlich, musikalisch, atmosphärisch. Wow. Everything, die neue Platte, erscheint im Februar und könnte eine der ganz großen Scheiben des Jahres 2026 werden - versprochen!



Pabst
(Ms) Vor ziemlich genau sieben Jahren, am 2. Dezember 2018 spielten Drangsal in Bochum. Von Münster war das immer gut mit der Bahn zu erreichen - also hin! Als Vorband spielte eine Gruppe, die mir für zwei Dinge im Gedächtnis geblieben sind: Der Name und die Intensität. Pabst der Name. Die Wucht ihrer Musik ist ein eigenes Kapitel. Und Ende November haben sie das erfolgreich weitergeschrieben. This Is Normal Now heißt die Platte, die vor gut vier Wochen erschien. Und meine Güte: Scheppert das geil! Es ist ja immer cool, wenn Bands ihr eigenes Label gründen, um musikalisch noch freier zu sein. Diesen Weg ist das Berliner Trio auch gegangen und die frischen Tracks halten sich echt an keine Regeln mehr. Hier brechen sie so gut immer wieder aus, dass es großen Spaß macht, den nächsten Überraschungsmoment über sich ergehen zu lassen. Starke Band, starke Entwicklung, starkes Album!


Telll
(Ms) Obacht. Für diese Musik ist ein entspanntes, ruhiges Ankommen in den Tönen ganz wichtig. Sonst wirken diese wunderbaren Lieder vielleicht nicht so stark. Ja, sie sind tendenziell im etwas leiseren Sektor angesiedelt, aber mit ganz viel Schönheit, einer nicht unwesentlichen Portion Melancholie und einer riesigen Dosis Kunst versehen. Die Band Telll - ja, mit drei l - haben vor Kurzem ihre Platte Eleven Kinds Of Loneliness veröffentlicht. Dabei agiert der Kern der Band im Hintergrund. Vielmehr brillieren elf Gäste auf den neuen Songs, die alle das Thema des Albumtitels behandeln. Ob Änn, Maija, Lou Pa oder Oliver Welter. Sie singen über die Facetten der Einsamkeit. Ja, die Atmosphäre ist ein klein wenig bedrückend, aber die Schönheit der Musik strahlt darüber hinfort. Diese Lieder gilt es einfach zu entdecken, wertzuschätzen und den großen künstlerischen Rahmen zu huldigen. Wow - was für ein Werk!

Freitag, 12. Dezember 2025

KW 50, 2025: Die luserlounge selektiert

Quelle: flaticon.com / NajmunNahar
(Ms) Festivals kommen und gehen. Beide Schritte haben oft ähnliche Gründe. Gründe für das Kommen: Bock, Bands eine Bühne geben, die (Sub-)Kultur fördern. Gründe für das Gehen: Meistens sind sie wirtschaftlicher Natur. Dass das Appletree 2027 pausiert, kommt bestimmt auch nicht von ungefähr. Genauso das Aus des Maifield Derbys in seiner vorherigen Form. Rheinkultur, BootBooHook, die Liste ist lang. Doch sie tut ein bisschen weniger weh, wenn klar wird, dass es auch immer noch genug passionierte Menschen gibt, die neue Festivals aus dem Boden stampfen. Zum Beispiel das Fairweather Fest in Bremen. Es war in diesem Jahr ein super spannendes Wochenende. Ich kannte so gut wie keine Band, habe viel kennengelernt und viel davon hat mich stark überzeugt. Flight Mode laufen regelmäßig daheim hoch und runter. Eine Band, die ich sonst sicher nicht auf dem Schirm hätte. Ein Datum für kommendes Jahr gab es direkt am Ende des diesjährigen Wochenendes: Am 5. und 6. Juni wird es wieder laut im Lagerhaus, Calavera, Eisen und in der Lila Eule. Und bereits in dieser Woche verkündeten die Organisatoren einen großen Schwung an Namen: Brockhoff, Between Bodies, Abramowicz, Swoon, Still Talk, Harker, Emperor X, State Power und noch viel mehr. Geil - ich kenne wieder kaum was und bin nun schon wieder ganz gespannt, wer mich im Sommer 2026 im Viertel überraschen wird. Danke an die Energie dieses Teams!

Fatoni
(Ms) Man könnte sagen: Fatoni ist wieder da! Doch er war nie weniger weg als in diesem Jahr. Nur halt nicht solo. Mit Juse Ju und Edgar Wasser veröffentlichte er BAWS und spielte Sonntagmittag auf dem Watt En Schlick. Stark! Nun haut er mit Nachos den nächsten Banger raus! Und was hat Dexter für einen unglaublichen Beat dazu gebastelt. So viel Kopfnickerqualität war lange nicht zu hören - geil! Dazu ein Track, der hellwach unsere Gesellschaft analysiert und zeigt, wie die Faschos an die Macht kamen und wer mit unserer unendlichen Bildschirmzeit Geld verdient. Das haut zum Einen richtig gut in die inhaltliche Kerbe und holt mich auf der Anderen musikalisch auch richtig doll ab! Klar, da wird noch eine Platte folgen in kommenden Jahr. Die Sneak Peak-Tour ist seit Langem angekündigt und sollte auf jeden Fall besucht werden. 2026 - Fatonis Jahr?

05.03. - Erlangen, E-Werk
06.03. - Wiesbaden, Schlachthof
07.03. - Münster, Sputnikhalle
12.03. - Wien, Arena
13.03. - München, Muffathalle
14.03. - Stuttgart, Wagenhallen
19.03. - Köln, Carlswerk Victoria
20.03. - Hannover, Capitol
21.03. - Hamburg, Große Freiheit 36
27.03. - Leipzig, Felsenkeller
28.03. - Berlin, Columbiahalle


Fjørt
(Ms) Wenn die Töne dieser Band und insbesondere dieses Tracks erschallen, bleibt mein Herz kurz stehen, die Hände werden schwitzig und ein scharfer Stich geht durch mein Herz. Fjørt hauen den nächsten Kracher ihrer kommenden Platte belle époque raus und treffen mal wieder den Nagel auf dem Kopf. Ich finde es extrem beeindruckend, wie selbstkritisch diese Band in vielen ihrer Texte ist, so gut wie jedes Mal fühle ich mich auf selbigem Fuß falsch ertappt. Messer heißt ihre neue Single, in der sie uns in der Pechschwarz-Ära willkommen heißen. „Ich kann das nicht besser / Bin mal wieder mein eigenes Messer.“ Stark auch, wie viel Interpretationsspielraum sie uns bieten. Denn das Messer kann in diesem Fall sehr viel sein: Selbstzweifel, zu viel Grübelei, fehlendes Vertrauen. Gefühlt dreht die Aachener Band mit ihren neuen Tracks die Wucht eben jener noch ein Grad weiter auf - beeindruckend!

11.03. München, Technikum
12.03. Jena, Kassablanca
13.03. AT - Wien, WuK
14.03. Leipzig, Werk 2
18.03. Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03. Wiesbaden, Schlachthof
20.03. Dortmund, FZW
21.03. Hamburg, Gruenspan
25.03. Bremen, Schlachthof
26.03. Hannover, Capitol
27.03. Stuttgart, Im Wizemann
28.03. Köln, E-Werk


Naked Lunch
(Ms) Vor 33 Jahren erschien das erste Album von Naked Lunch, zuvor veröffentlichte die österreichische Band bereits eine EP. Diesen Herbst brachten sie ihre neuste Platte raus. Was hat diese Band nicht alles erlebt. Wechsel in der Besetzung, der Beinahedurchbruch, der reelle Niedergang, die Neuerfindung, das an-sich-glauben. Puh! Songs For The Exhausted ist sicher das Album, das die Band am meisten zu sich selbst gebracht hat nach dem ganzen internationalen Hochgejazze. Insbesondere God ist ja bis heute ein unglaubliches Lied. So viel Wucht, so viel Schönheit, so viel Brutalität, so viel Zärtlichkeit. Vor 21 Jahren erschien diese Platte und sollte nichts anderes als einen erfolgreichen Neuanfang markieren. Nun veröffentlicht Tapete Records dieses wunderbare Album erneut und das erste Mal überhaupt auf Vinyl. Wenn man ein Album dieser Band in der Sammlung stehen haben sollte, dann sicher dieses.


Grim104
(ms) Hinsetzen für diesen Track. Denn die Energie von Grim104 haut einen schnell mal um. Diese Giftigkeit in seiner Stimme und wie er so gut wie jede Zeile dahin keift - das ist schon sehr beeindruckend und in den Bann ziehend. Grim104 als der Rapper, für den keine Grenzen mehr gelten, das Monster aus dem norddeutschen Sumpf. „Ich fress als Henkersmahlzeit das ganze Schafott.“ Was für Zeilen aus diesem Typen nur kommen. Ein dunkler Moloch, der sehr viel Sogkraft erzeugt und unmissverständlich seinenStandpunkt zur Musikindustrie klar macht. Mantra heißt seine neue Single, die ab dieser Woche wuchtig ballert und den nächsten Vorgeschmack auf seine neue Platte No Country For Old Grim bietet. Hui, das wird heftig!


Hi Mum
(Ms) Manchmal rauschen doch recht seltsame Gedanken durchs Hirn, oder? Vor einigen Jahren dachte ich, ich lerne nichts mehr dazu. Was für ein brutaler Quatsch. Ich habe auch keine Ahnung, aus welcher Hirnwindung das denn kam. Jeden Tag kommt was Neues dazu, ich Depp. Und vor einiger Zeit lernte ich hinzu, dass ich Shoegaze sehr gern mag. Diese breiten, kräftigen Soundflächen, die von wuchtigen und oft eher langsamen Gitarren dominiert werden. In den Strophen nehmen die sich oft ein wenig zurück, um dann nur umso stärker wieder auszubrechen. Heutiges Superbeispiel: Hi Mum! Die Nachfolge-Band von Maffai legt am 26. März ihr Debut hin und Ghostwood könnte überragend werden, wenn der Klang der ersten Singles darin fortgesetzt wird (wovon ja irgendwie auszugehen ist). Viel Kraft, viel Intensität, viele aufgedrehte Regler, viel Krach in dem ich mich ganz schnell verlieren kann. Was für eine irre Schönheit der Lautstärke!

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Oehl - Dunkle Magie

Foto: Tim Cavadini
(Ms) Weihnachten steht vor der Tür. Ein teils bizarres Fest, bei dem Gemütlichkeit und entspanntes Zusammensein auf Knopfdruck geschehen sollen. Festlich gemeinsam die Tage verbringen und füreinander da sein. Ja, wenn das mal so einfach wäre… Zugleich unterliegt diesem Fest ein absurder Kaufrausch und das Motto: Futtern, futtern, futtern. Dabei kann es so schön sein, mit seinen Liebsten ein paar Tage fernab der Alltagshektik zu verbringen. Am besten auch mit der passenden musikalischen Begleitung. Weihnachtsmusik ist so ein ganz eigenes Genre. Neben den großen Klassikern von Kirche, Pop und Rolf Zuckowski versuchen viele KünstlerInnen sich an diesem Genre. Und scheitern. So wie Ariel Oehl mit seinem neuen Album Dunkle Magie, das ein ausgewiesenes Weihnachtsalbum sein soll und diesen Freitag erscheint.

Eine negative Rezension zu schreiben, macht wirklich gar keinen Spaß. Aber es ist mit dennoch ein Anliegen, da ich seit Wolken die Musik von Oehl absolut faszinierend finde und gerne in seine nuschelnde Welt eintauche. Aber nicht bei dieser Platte. Zumindest nicht auf voller Länge, es gibt zwei, drei schöne Lieder - mit Beigeschmack.

Was sind die Erwartungen an ein Weihnachtsalbum? Welche Musik möchte ich an den Feiertagen und davor hören? Klar, hier wird es subjektiv, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass mir einige Menschen zustimmen werden. Ich möchte entspannte, fröhliche, besinnliche Lieder mit zauberhaften, unterhaltenden oder berührenden Texten hören. Oder Instrumentales, das mir Ruhe und Andacht verschafft. Dabei stelle ich mir auch die Frage, welche Musik ich abspielen würde, wenn die Verwandtschaft kommt oder Freude oder man gemeinsam backt und kocht. Sicher nicht die neue Oehl-Platte. Und das aus einem leider sehr triftigen Grund: Sie ist mir viel zu melancholisch, ja, sie zieht mich gar runter. Beim ersten Hören musste ich die Musik aus machen, weil es mich so bedrückt hat. Die Zeit, in der Melancholie vielleicht noch irgendwie cool war, ist doch vorbei. Oder? Ich möchte in der Adventszeit und an den Feiertagen nicht betrübt in der Ecke sitzen und voller Schwermut Geschenke auspacken. Das passt alles nicht.

Dennoch wirklich schön anzuhören ist hingegen das Duett mit Tristan Brusch. Auch das instrumentale Pobozno Jodlanje (Andachtsjodler) hat ganz tolle Harmonien. Auch Alle Jahre Wieder Stille Nacht zusammen mit Romi Rabić und Niklas Apfel würde ich an den Feiertagen abspielen. Die Gemeinsamkeit dieser drei Stücke ist, dass Ariel Oehl verhältnismäßig wenig zu hören ist. Irgendwie bezeichnend.

Ach, ich habe mich so auf das Album gefreut, weil ich die Oehl‘sche Musik wirklich mag. Aber dieses Album wird nicht ein Mal in Gänze bei mir abgespielt werden.